„Dance with the devil“

von Stefanie Dathe

Bodo Korsig



In gewisser Weise entspricht Bodo Korsig dem Ideal des Renaissance-Künstlers, eines universell versierten und interessierten Kunstschaffenden, der sich nicht nur traditioneller Materialien und bildnerischer Ausdrucksformen, sondern auch der Philosophie und Wissenschaften annimmt. Bekannt geworden durch seine eigenwilligen Skulpturen, Wandobjekte und die verblüffend großformatigen, mit der Straßenwalze gedruckten Holzschnitte, hat er in den letzten Jahren nicht nur über dreißig Künstlerbücher mit Texten internationaler Autoren geschaffen, sondern sich auch intensiv mit Keramik befasst. Unübersehbar ist die Verwandtschaft: Alle künstlerischen Gattungen haben Teil am morphologischen Formenrepertoire einer reduzierten Ikonographie, die an die Ursprünge des Piktoralen erinnert.
Bodo Korsigs bildnerische Formensprache schöpft ihre eindrucksvolle Monumentalität aus einem archaischen, spröden Vokabular, das ganz auf die Kraft der grafischen Linien setzt. Sie lebt von ungegenständlichen Bildzeichen und einer strengen Läuterung der Formsetzungen. Mit ihren labilen Verbindungsstellen und sensibel austarierten Gleichgewichten entfalten sie – jeglichen Bedeutungsfeldern enthoben – eine autonome ästhetische, emotional und assoziativ aufgeladene Wirkung. Fremd und zugleich ahnungsvoll vertraut wecken Bodo Korsigs formelhafte Bildelemente mit ihren Symmetrien und Spiegelungen, Reihungen und Anhäufungen vielfältige Erinnerungen an die Gestaltungsmuster der Natur, an biomorphologische, molekulare und neuronale Strukturen. Doch sie besetzen nur den erinnerten Hintergrund, vor dem sich ein individueller künstlerischer Formenkanon mit energetischem Potential frei entfaltet.
Als Ausgangsmaterial für die Übersetzung seiner Bildchiffren in die dreidimensionale Form hat Bodo Korsig mit schöpferischer Sicherheit den geschmeidig modellierbaren Ton entdeckt. Seine Affinität zur Keramik konzentriert sich auf die Erforschung der materialimmanenten Ausdrucksmöglichkeiten. Bodo Korsig befragt den Werkstoff auf seine bildnerischen und qualitativen Eigenschaften hin. Dabei problematisiert er stillschweigend auch die Skulptur selbst und das ihr eigene Dilemma: stets zwischen den Vorstellungen von Fläche und Raum, Illusion und Wirklichkeit, Urbild, Abbild und Trugbild gefangen zu sein.
Bodo Korsigs gebaute Tonplastiken sind fragile Hohlkörper, deren geschlossene Volumina wehrhafte Gewichte und wuchtige Masse vortäuschen. Farbig gefasst wie all seine Skulpturen und Wandarbeiten verschleiern sie unter einer schwarzen Haut die Wahrheit über ihre zerbrechliche Stofflichkeit und die Verwundbarkeit der Gefüge. Sie geben vor metallischen Ursprungs zu sein, aus Eisenguss gefügt, um doch ganz der behutsamen Handhabung ausgeliefert zu bleiben. Frei hängend oder aus gesicherter Oberflächenhaftung ertasten die stachlig zugespitzten oder keulenförmig gerundeten Objekte wie Fühler, Tentakeln, Zotten oder Pocken den Umgebungsraum. Mit ihren zum Teil beträchtlichen Formaten und vielteiligen Wandpopulationen entwickeln sie sowohl eine eigenwillige atmosphärische Präsenz, die sich auf das Raumklima überträgt, als auch einen unmittelbar körperhaften Bezug zum Betrachter, der sich zwischen Faszination, Vertrauen und Misstrauen verführt und angezogen, bedrängt, bedroht und ausgeliefert fühlt: Es ist das Spiel mit den ambivalenten Gefühlsregungen und der Irritation seiner Seherfahrung, die den Künstler reizt.

Bodo Korsigs Formsetzungen erscheinen wie Relikte aus einer anderen, vergangenen oder zukünftigen Welt. Sie erscheinen wie ruhende Larven - unschuldig und doch wissend über den Zusammenhang von Wahrnehmen und Empfinden. 
Als Produkte eines suchenden Prozesses des Änderns und Bewahrens, des Aufspürens unvermuteter Erscheinungsformen im vermeintlich Bekannten versammeln sie stets Momente der Doppeldeutigkeit aus einem Spektrum zwischen Aggressivität und Schönheit,  Ding- und Wesenhaftigkeit, Befremden, Identifikation und Bewunderung auf sich. Qualitäten, die einen metaphorischen Widerhall in Titeln finden wie „Dance with the devil“ oder „Talking with the enemy“.