Von guten und von bösen Synapsen

von Lore Bardens

Zwischen Ironie und Wissen: Ausstellung von Bodo Korsig ab heute im Kunstraum

Wie bei einem Schneckenhaus winden sich die Stege um die Löcher, und unter der netzartigen Last des Nichts scheinen sie sich manchmal ein wenig zu krümmen. Mal werden sie dicker, mal schmaler, mal erhaben, mal platt. Dieses Gebilde heißt „Lösche deine Vergangenheit aus“ und hängt an der Wand des Kunstraumes. Ach, wenn man das nur könnte, mögen sich manche Besucher sehnsuchtsvoll in die eigenen Synapsen murmeln, aber wenn man über die Fähigkeit des seligen Vergessens verfügen würde, könnte man sich bald nicht mehr an die Arbeiten von Bodo Korsig erinnern. Und das wäre schade. Seine Werkgruppe besticht durch Leichtigkeit und Durchlässigkeit, durch Luft und Licht. Er arbeitet mit Schrift und Holz, Metall und Acryl, manchmal sogar mit Keramik.

Der Kunstraum hat sich wieder mal einen ganz anderen Charakter zugelegt, der in diesem Fall aus Ironie und Wissen, Ahnung, Witz und ernstem Spaß besteht. Bodo Korsig versteht es, diese höchst unterschiedlichen Eigenschaften in fast allen seinen Objekten und Bildern unterzubringen und am Ende dann auch noch so zu tun, als wäre das ganz leicht. Vieles von dem, was man zu wissen meint, gerät dabei in den Konjunktiv. Letztendlich stellt hier einer ganz gelassen die Frage nach der Identität, nach dem Zusammenhang zwischen biochemischen Vorgängen, Denken und Bewusstsein sowie nach den Erkenntnissen der Wissenschaft. Ob es dabei um die Fortpflanzung geht, die als mäandernde Kaulquappe ikonografisch immer wieder mal auftaucht, oder um die primitiven Reflexe beim Anblick des Feindes, ihn interessieren die Zusammenhänge zwischen Emotion und Vernunft. Dass diese Verbindung bei der Aggression gestört ist, beweisen seine wie Steinzeitwaffen aus der Wand herausragenden Noppenkeulen mit dem Titel „Reden mit dem Feind“, unter deren drohender Geste man sich förmlich duckt. Andere Objekte sind gewundene, miteinander verbundene Linien, die in ihrer verhaltenen Dreidimensionalität eine seltsame Mischung zwischen Bekanntem und Unbekanntem ausstrahlen.

Zellstrukturen vielleicht, einige in Metall gegossen, andere aus Holz gesägt, kokettieren sie, wie die Holz- und Linolschnitte auch, mit ihrer Materialität. Und in ihrer Bedeutung gehen diese Kunstwerke ein intelligentes Spiel mit dem Betrachter ein. Der fragt sich, was er da sieht, und prompt stellt man auch an ihn Fragen. In der Art wie: „Wo kann ich mir ein neues Hirn kaufen?“

In der Tat eine Frage, die man immer mal wieder stellen kann. Korsig lebt in Trier und in New York, und sicher kommen ihm auf den langen Flügen solche Rätsel in den Kopf, den er dann gerne austauschen würde. Das hat durchaus einen ernsten Hintergrund: Der 44jährige hat sich an der Columbia University ausgiebig mit der Neurobiologie und der Gehirnforschung vertraut gemacht, und die ästhetische Formenvielfalt der kleinsten Zellen hat ihn ebenso inspiriert wie die Problematiken, mit denen sich die Wissenschaftler beschäftigen. Dass in dem zukünftig austauschbaren Kopf auch ein Gehirn sitzt, bewegt Korsig sichtlich. Neben abbildhaft wirkenden Blumenkohlstrukturen des Innenschädels benutzt er eine ganze Wand, um das, was da in „Versteckter Geist / Verstand“ verborgen ist, zu zeigen. Da gibt es kleine Formen, die an Kämme erinnern, Reibeisen oder Meeresigel, andere wiederum an Kürbisse – und das alles zusammengenommen versteckt tatsächlich mehr, als dass es zeigt. Korsig lässt das, was die Wissenschaftler wie verzweifelt erjagen, weiterhin im Dunkeln, gibt ihm aber eine ästhetische Struktur. So macht sich der Künstler auch ein wenig lustig über die Wissenschaftler, die alles erklären wollen. Korsig schreibt auch keine langwierigen Abhandlungen, sondern lakonische Statements, die sich gar noch in gegenüberliegenden Holzschnitten widersprechen: Steht da auf der einen Seite, eingebunden in kleine Fliegenkrawatten am Seil, die auch eine Samenzelle sein könnten, wenn sie nicht so merkwürdig verbogen wären: „Das Leben beginnt in jeder Sekunde“ und auf der gegenüberliegenden Seite hängt fast dasselbe dreiteilige Druck, mit fast derselben Fliege am Band, da jedoch heißt es: „Das Leben endet in jeder Sekunde.“ Doch gegen den ständigen Tod hat Korsig auch ein Rezept, das er „Hirnkraft“ nennt. Das erinnert zwar auch an einen Kaktus, aber ziemlich sicher an ein gewisses männliches Organ. Und das denkt ja nicht so gern an Sterben, sondern sorgt für ewiges Leben