Leben schmecken

von Dr. Beate Reifenscheid

(Redemanuskript von Dr. Beate Reifenscheid, Direktorin, Ludwig Museum Koblenz) 8. Mai 2008

„Aplysia californica ist eine ziemlich fette Schnecke, der man in freier Wildbahn eher ungern begegnet. Sie ist bis zu 75 Zentimeter lang, wiegt drei Kilo und ist zu nicht allzu viel in der Lage, außer in Gefahr einen Schwall Tinte auszustoßen und ihr Geschlecht zu wechseln, wenn ansonsten kein geeignetes Paarungsobjekt verfügbar ist. Die Schlichtheit von Aplysias Gemüt beruht darauf, dass sie insgesamt mit nur etwa 20000 Neuronen zurechtkommen muss; das System, das sie zum Lernen verwendet, umfasst nicht mal 100 Neuronen. Ein Säugetierhirn wendet mindestens eine Billion Nervenzellen auf, um das Dasein zu bewältigen, und vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass insbesondere Menschen und Schnecken nicht viel gemein haben – schon gar nicht, was ihren Geist angeht.

 

Eric Kandel, der im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie bekommen hat und als bedeutendster Gedächtnisforscher der Gegenwart gilt, war da ganz anderer Auffassung und hat den größten Teil seines Forscherlebens damit zugebracht, die basalen Funktionen der Gedächtnisarbeit an der dummen Aplysia zu studieren. Weil er ganz zu Recht davon ausging, dass sie dieselben sind wie beim Menschen.

 

Aplysias neuronale Schlichtheit bedeutet aus Sicht der Forschung gegenüber dem unendlich komplexen Nervensystem des Menschen einen erheblichen Vorteil: Denn die Schaltkreise, die Aplysias Neuronen aufgrund von Umwelterfahrungen ausbilden, sind einfach überschaubar; einige ihrer Nervenzellen sind gar mit bloßem Auge erkennbar. Wenn die Schnecke also auf eine bestimmte Reaktion hin konditioniert wird, kann man an ihrer neuronalen Architektur ablesen, welches Verschaltungsmuster damit ausgebildet wird, und mit unterschiedlich intensiven Konditionierungstrainings kann man auch nachzeichnen, wie Aplysia dauerhafte oder auch nur temporäre Erinnerungen bildet. Damit sind die zwei wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen Kandels benannt. Er hat nämlich mit Hilfe der Schnecke zeigen können, wie Gedächtnis auf der biologischen Ebene funktioniert, wie also das komplexe Zusammenspiel zwischen Umwelterfahrung und synaptischen Verschaltungen verläuft. Und in einem zweiten Schritt hat er zeigen können, wie aus dem Kurzzeitgedächtnis jene »Erinnerungen« in Langzeitspeicherung überführt werden, die man dauerhaft gebrauchen kann.[1]

 

Schon die frühesten schriftlichen und bildlichen Dokumente der Menschheit verraten ein besonderes Interesse an der Erklärung geistiger Fähigkeiten. Die alten Mythen und religiösen Texte berufen sich meist auf eine von höheren Mächten geschaffene Seele. Unsere heutigen Erklärungen sind profaner. In ihnen ist nicht von göttlichen Schöpfungsakten, sondern von den elektrochemischen Aktivitäten kleiner Nervenzellen die Rede. Doch: Helfen uns die Erkenntnisse der Neurowissenschaften wirklich, zu begreifen, wie unsere Schmerzempfindungen, Gedanken oder Entschlüsse entstehen? Und wenn sie dies tun: Hieße das nicht, dass unsere geistigen Akte in Wirklichkeit nur simple physische Prozesse sind? Würde das nicht unser gesamtes Menschenbild auf den Kopf stellen?

 

Die Dichotomie der Forschung aber auch der Werte innerhalb der Kulturen beruht bislang tatsächlich auf der Scheidung zwischen Körper und Geist, zwischen einer physischen und einer psychischen Seite des Menschen. Die erste erlaubt wissenschaftliche Forschung, Thesen und Antithesen, die zweitere, da immateriell (Seele), gestattet nur Mutmaßungen, kaum aber haltbare Fakten. Dennoch bestehen auf beiden Seiten der Wissenschaft Zweifel dahingehend, dass nur die eine Seite Recht haben könnte: Ein Mensch, der nur physikalisch oder biochemisch in seiner komplexen Struktur zu begreifen ist, erscheint letztlich armselig: Ihm fehlt es an jenen Qualitäten, die ihn – nach tradierten Vorstellungen – überhaupt erst zu einem Menschen werden lassen. Zu einem Geschöpf, das sich aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten glaubt, über den Rest des Tierreichs erheben zu können. Ein Faktum, das scheinbar trennt und eint zugleich, das neben den diesseitigen Schmerz- oder Lustempfindungen, neben den natürlichen Reflexen wie Trauer und Freude auch die Reflexion über das eigene Handeln anbietet: Das es möglich erscheinen lässt, Gutes vom Bösen zu unterscheiden und ein Nachdenken über das Leben vor der eigenen Zeit ebenso einbezieht wie auch die Möglichkeiten abwägt, die ein Leben nach dem Tod – selbst in völlig gewandelter Form – wahrscheinlich oder sogar glaubhaft erscheinen lassen.

 

Die Beschäftigung der Kunst mit den Leistungen des Gehirns und damit impliziert auch die Frage nach dem „Wer sind wir?“ ist schon sehr alt, und spätestens seit Goyas Radierung „El sueño de la razón produce montruos“ von 1787-89 ist die psychische Ebene der menschlichen Wesenseinheit auch in die Kunst eingezogen. Gerade in der Romantik fließen tiefgreifende Erkenntnisse über das Seelische in die Literatur und Kunst mit ein, die letztlich auch den Weg für die Forschung ebnen, die schließlich in der Psychoanalyse Sigmund Freuds einen ersten wichtigen Höhepunkt erlebt. Motive der Psyche spielen dann im gesamten europäischen Surrealismus eine wesentliche Rolle und bringen vor allem die kreative Seite des Geistes, aber auch die „Abgründe“ menschlichen Verlangens zum Vorschein. Die Beschäftigung nach der Interferenz von neuronalen Prozessen im Körper als einem gesteuerten Schema, das der Körper „bei Bedarf“ selbst abruft und in Gang setzt, ist hingegen innerhalb der Kunst neu und nahezu einzigartig. Aber man würde die Arbeiten Bodo Korsigs wohl ihrerseits als einseitig empfinden, ginge es nur um die Abbildung von Synapsen, Nervenbahnen und molekularen Strukturen, die sich unter dem Mikroskop sonst nur die Spezialisten, insbesondere die Hirnforscher, rezipierend erschließen. Bodo Korsig wendet Muster an und erfindet seinerseits ständig neue, die eine Ähnlichkeit mit der Medizin evozieren, nicht jedoch einem wissenschaftlich geschulten Blick standhalten. Die Ähnlichkeit genügt aber, allein schon deshalb, weil keine Biostunde vorgeführt wird, sondern die Zusammenhänge komplexer sind und im Bereich der Kunst vielmehr assoziative Möglichkeiten aufschließen. Bodo Korsig wendet seine „Muster“ wie Symbole an: häufig erscheint eine einzelne Formation auf der Bildfläche, oder paart sich mit weiteren, aber wenigen Ausläufern, die sich um das innerbildliche Zentrum konzentrieren. Gleiches findet sich auch in seinen plastischen Arbeiten, die Wände, oder Boden bevölkern. Die Formation ist immer in Schwarz gehalten, nicht zuletzt auch deshalb, weil Bodo Korsig gerne den Holzschnitt als formbildendes Material nutzt, um dann den singulären Druck mit Ölfarbe auf die Leinwand zu prägen. Gefragt nach dem hohen Aufwand, den er betreibt, um nur ein einziges Bild damit zu erstellen, betont er, dass ihn neben der ursprünglichen Materialität vor allem auch die eigentümliche Textur der Farbe interessiere, die eben nicht mit dem Pinsel gemalt, sondern durch das Abziehen der Holzplatte kleine Farbabrisse und -nasen verdeutlichen, die nur dann entstehen, wenn man Materie trennt. Es entsteht eine Farboberfläche, die bei näherem Hinsehen eben völlig ungleichmäßig und unruhig erscheint und damit die Struktur der Bildform, die ruhig, klar und hermetisch wirkt, in einem Flimmern von Farbpartikeln hinterfängt: Wie eine osmotische Membran, um im Bild der Biologie zu bleiben.

 

Korsigs Werke leben aber genau aus der oben angedeuteten Dichotomie zwischen neuronalen Strukturen und der Vorstellung, dass der Geist oder zumindest der Bereich der Emotionen auch anders als rein chemisch gesteuert sein könnten. Der anscheinend biologischen Bildform, dem formelhaften Muster, stellt er häufig Sprachformeln, Sentenzen oder auch Fragen gegenüber, die so banal wie komplex sein können: „Weißt Du, dass ich Dich liebe?“, „Du verwirrst mich!“ spricht die eigene Befindlichkeit an und im besten Falle auch den Bezirk, der sich nicht von der Wissenschaft einschließen lässt. „No more excuses“ oder „Du sollst nicht…“  bildet Allgemeinplätze nach, die tagtäglich unser Leben anfüllen und die „musts and don´ts“  thematisieren: Eben das große Heer der fremdbestimmenden Formeln des Lebensalltags. Die Schrifttype wechselt gelegentlich, zumeist aber erinnert sie an den klassischen lateinischen Schriftzug, der auf Grabmählern genutzt wird und somit die Archaik des biologischen Setzkastens im menschlichen Körperbau mit einer geradezu zeitlosen Sprache gepaart wird. Nur manchmal weicht die Schrift ab, erscheint serifenlos und setzt unmerklich Zäsuren im Sprachfluss, die ihrerseits ein verhaltenes Nachdenken provozieren. „Have I told you that I love you?“ ist ein Beispiel dafür. In Wortkreationen, die ganz auf Bodo Korsigs eigene Gedankenwelt zurückgreifen, wie “lovecancer” “headtransplant”, “Where can I buy a new brain?” oder „Ich Blut“, spielt er mit assoziationsreichen Sprachmitteln, die ebenso neu wie plausibel erscheinen. Nicht anders verhält es sich mit „Leben schmecken!“, in der Urbefindlichkeiten mit der Komplexität des Begriffs Leben – der seinerseits wissenschaftlich wie auch individuell gedeutet werden kann- kombiniert wird. Korsig führt Gedanken und Sprache an eine Grenze, die er überschreitet und zu der er auffordert, immer wieder diese gedanklichen Übertritte zu vollziehen. Schmerz- und Lustgrenzen sind gleichermaßen angesprochen. Physikalisches, Biologisches wird durchdrungen von genau jenen Ebenen des Menschen, denen die Wissenschaft noch nicht vollkommen auf die Spur gekommen ist: Jenen, die die Emotionen, die basalen Gefühle oder auch religiöse Glaubensvorstellungen antasten und damit das individuelle Dasein täglich neu auf den Prüfstand stellen. „Leben schmecken“ appelliert an die Freude, „erase your past“, ein Satz, der sich wie ein roter Faden durch das Werk Korsigs zieht, hingegen, gleicht einer doppeldeutigen Formel zum Abschließen von Vergangenem. Bodo Korsig bietet beides an, lässt aber die Freiheit, sich persönlich zu den Arbeiten zu verhalten und über die eigene Wahrnehmung der Entität von Körper und Geist nachzusinnen.

 

Heute vertritt kaum ein Hirnforscher noch die Auffassung, man könne Geist und Körper separieren. Die dualistische Trennung gilt ihnen als Ballast, den man seit Descartes' Zeiten unnütz mit sich herumschleppe. Statt auf den göttlichen Hauch zu bauen, vertrauen sie lieber auf die Positronen-Emissions-Tomografie, und einige Wissenschaftler glauben schon, Bewusstsein erklären zu können.  - Antonio Damasio stellte schon 1994 in dem Buch „Descartes Irrtum“ heraus, dass die Trennung von geistigen Prozessen und körperlichen Emotionen ein fataler Fehler und dass das Bewusstsein ohne biologische Basis nicht vorstellbar sei. Unter anderem folgte auch Daniel Goleman diesem Ansatz, als er den Bestseller „Emotionale Intelligenz“ verfasste. In Damasios neuem Werk Ich fühle, also bin ich versucht er, seine Erkenntnisse zu einer umfassenden Bewusstseinstheorie zu synthetisieren. Bewusstsein entstehe allerdings erst, meint Damasio, wenn das Gehirn die Entwicklung dieses Wechselspiels zwischen Kopf und Körper dokumentiere und beginne "eine Geschichte ohne Worte" zu erzählen. Damit beantworteten die neuronalen Schaltkreise gleichsam "eine Frage, die nie gestellt wurde" und die da lautet: „Wem gehören und was bedeuten all diese Vorstellungen?“ Die Antwortet lautet: Dem "Selbst" - für Damasio wird dieses gewissermaßen durch diesen Prozess erst geboren.

In diesem Sinne ließe sich auch Bodo Korsigs intensive künstlerische Auseinandersetzung deuten, die Fragen der Hirnforschung aufgreift, die aber im künstlerischen Prozess auf andere Konfrontationen und Fragestellungen hin zuspitzt. Die Frage nach dem Ich, dem Selbst, der Gesellschaft und auch der spirituellen (religiösen) Vorstellungen sind immer wieder einbezogen. Sind Frage, bleiben haften und arbeiten – im Gehirn und Gedächtnis des Betrachters, der im besten Falle neu Fragen für sich selbst aufwirft und vielleicht auch Antworten findet.

 



[1] Auf der Schneckenspur - Eric Kandel, der große alte Mann der Gedächtnisforschung, beschreibt die Geschichte einer neuen Wissenschaft des Geistes. Von Harald Welzer, in:  DIE ZEIT, 29.06.2006