Everything is possible

von Prof. Dr. Bernhard Serexhe

Bodo Korsig, Everything is possible 11.05. - 23.06.2012

Um es gleich vorweg zu sagen: Bodo Korsigs Arbeiten können Sie sich auch übers Sofa
hängen. Ich bin aber nicht sicher, ob Sie darunter beruhigt schlafen können.
Höchst intelligente und variantenreiche Interpretationen zu Korsigs Werk können Sie in
ausliegenden Katalogen nachlesen, dem muß nichts hinzugefügt werden. Ich sehe es auch
keineswegs als eine Aufgabe des Eröffnungsredners, Ihre Irritation zu beschwichtigen, oder
Ihnen wohlfeile Erklärungen zu liefern zu ungetrübtem Kunstgenuss und selbstgefälliger
Betrachtung. Übrigens: Hoffentlich sind Sie irritiert, denn ohne Irritation würden Sie ja
weitermachen wie bisher, und das würde Ihnen auf Dauer nicht gut bekommen.
Bodo Korsigs Arbeiten erzeugen Unbehagen, immer wieder Unbehagen an der Kultur, um
den alten Freud zu zitieren. Ja, nicht nur Freude, auch Irritation und Ablehnung kommen auf.
Was soll im Werk Korsigs ein überdimensionaler pickeliger Schnuller an der Wand, der die
Erinnerungen der Kindheit wach ruft und uns die Ruhe raubt? Was sollen diese garstigen
Keulen, die uns bedrohlich entgegenkommen und ständig nach Widerspruch schreien? Und
welche Bedeutung haben jene unerbittlichen Bildzeichen, die an schematische Darstellungen
von Gehirnzellen in Lehrbüchern erinnern, an Bakterienketten und gefährliche Viren, ohne je
im naturalistischen oder medizinischen Sinne exakt zu sein?
Im Film "Schmetterling und Taucherglocke", dem von Korsigs Künstlerkollegen Julian
Schnabel adaptierten gleichnamigen autobiographischen Roman von Jean-Dominique Bauby
kommuniziert der nach einem Schlaganfall vollständig gelähmte, aber geistig hellwache
Bauby lediglich mit dem Zwinkern eines Augenlieds. Mehr als Zwinkern kann er nicht. Seine
Logopädin liest ihm die nach ihrer Häufigkeit in der französischen Sprache auf eine Tafel
notierten Buchstaben des Alphabets vor, und es gelingt dem im endgültigen Locked-in
Syndrom gefangenen Bauby, seine eigene umfangreiche Biographie zu diktieren, indem er,
sobald der jeweils richtige Buchstabe genannt ist, mit dem Augenlied zwinkert.
Verständigung über das Medium der Schrift hat zur Voraussetzung, daß zwischen Menschen
die Bedeutung der Schriftzeichen vereinbart ist. Buchstaben sind Zeichen, deren
Zusammenstellung zu Wörtern und Sätzen - aufgrund komplexer Systeme weiterer
Vereinbarungen - mit übereinstimmendem Sinngehalt gelesen und verstanden werden.
Am Anfang war das Wort, der Logos, so heißt es in der Bibel, und ohne das Wort wurde
nichts, was geworden ist. Der Logos, reduziert auf das Logo der heutigen Werbesprache, das
Bedeutungszeichen, mit dem Bedeutsames bezeichnet wird. Zeichensysteme kodieren
Weltbilder. Platos Schatten lassen grüßen.
Wie aber bezeichnet man das Unsagbare? Mit welchen Zeichen bedeutet man das Nicht-
Vereinbarte? Wie vermittelt man das Unerforschte? Und wie erforscht man das
Unvermittelte?
Der Faszination, eine leere Seite mit Text zu füllen, oder etwa in eine Holzplatte Muster zu
schneiden, entspricht jene, Zeichen in die Welt zu setzen. Dies ist der entscheidende
Schöpfungsakt, der alle intelligenten Wesen - und dies sind ja nicht ausschließlich Menschen
- von allen Maschinen unterscheidet. Künstliche Intelligenzen, etwa mit extrem schneller
Rechenleistung ausgestattete Computer, interpretieren Zeichen, die der Mensch in die Welt
gesetzt hat, mehr können sie nicht.
So ist denn auch längst das mechanistische Menschenbild des bretonischen Arztes Julien
Offray de La Mettrie (1709 - 1754) widerlegt, der auf dem Höhepunkt der vorindustriellen
Ära mit seinem 1747 erschienenen Buch Homme Machine die Fachwelt mit der Behauptung
herausgefordert hatte, daß der Mensch nichts anderes als eine sehr erleuchtete Maschine sei.
Selbst wenn in ferner Zukunft einmal die Signalübertragung und -modulation aller 100
Billionen Synapsen des menschlichen Gehirns exakt kartiert und katalogisiert sein sollten,
wird noch lange nicht entschlüsselt sein, was die eigentlichen Bewegungen von Geist und
Seele des Menschen ausmacht.
Der Künstler als Forscher mit anderen Mitteln. Trotz aller Nüchternheit seiner
Herangehensweise und - all things considered? - so der Titel eines großformatigen
Holzschnitts - glaubt der Forscher Bodo Korsig an den Menschen: LEBEN SCHMECKEN -
Du verwirrst mich! - emotional action - foolish desire - I can't stop - MY SOUL IS DIRTY -
if it feels good-DO IT - genau so lauten einige der in großen Lettern auf schwarzem Grund
heraus gestochenen Feststellungen Korsigs. Und schließlich, das unermeßliche Produkt aller
möglichen Synapsenverknüpfungen zusammenfassend, erklärt Korsig auf einer großen
Doppeltafel "EVERYTHING IS POSSIBLE ...", in Großbuchstaben, mit angehängten drei
Pünktchen immer noch mehr Verknüpfungen offen lassend, eine Art Glaubensbekenntnis an
das offene Werk wie an die Unbegrenztheit menschlicher Leidenschaft, die zugleich durch
Erase your past von den brainworms des ewigen PRESENT AND PAST befreit wird und
nach dem Schleier des Vergessens ruft: Where can I buy a new brain?
Korsig arbeitet mit konventionellem Text, den jeder verstehen kann - und mit Bildzeichen, für
die es keine Konventionen gibt. Seine Sprache ist in der gewählten Direktheit fordernd und
verwirrend zugleich. In ihrer Kombination mit aus dem Holz geschnittenen oder aus
Cortenstahl gefrästen Zeichen, regt diese Sprache zu höchster Hirnaktivität an und verweigert
zugleich jede Antwort. Warum auch Antworten geben, wenn die Fragen bereits alle
Antworten enthalten? Und auch wenn diese Bedeutungszeichen in ihrer Gesamtheit weder
einen strukturierten Text ergeben, noch durch Konvention verstehbar sind, sondern von jedem
in anderer Weise gelesen werden können, so wirken sie wie Gehirnpropeller - ein weiterer
Titel - sie verleihen brainpower, die die Gedächtnissplitter zum Vibrieren bringt: I HAVE
THAT BURNING SENSATION AGAIN - lach mal wieder - Happiness is expensive.
Bodo Korsig, 1962 in Zwickau geboren, studierte Bildhauerei und Steinrestaurierung im
Berlin der DDR. Er arbeitet mit allen künstlerischen Techniken und Materialien und nutzt
auch unkonventionelle Mittel, selbst Straßenwalzen, um seine großformatigen Holzschnitte zu
drucken.
Korsig lebt und arbeitet in New York - und in Trier. Sie alle wissen, wo New York liegt. Trier
liegt weitab davon, versteckt im Tal der Mosel zwischen Eifel und Hunsrück. Ein größerer
Gegensatz ist nicht denkbar. In New York zeigt man der Welt die Welt; in Trier zeigt man im
heiligen Dom den Heiligen Rock, das ungeteilte Kleid Jesu, von der Heiligen Helena dorthin
gebracht. Man zeigt auch die Unterhose von Karl Marx, dem berühmtesten Sohn dieser Stadt.
EVERYTHING IS POSSIBLE Punkt, Punkt, Punkt ... if it feels good-DO IT.