Bodo Korsig – stronger than fear is hope

Kunstverein Pforzheim im Reuchlinhaus

von Bettina Schönfelder

9.11.2013 bis 26.1.2014


Einführung in die Ausstellung
Stronger than fear is hope - Mit dieser lapidaren, aber starken Sentenz lockt uns
Bodo Korsig in seine Ausstellung. Die Guillotine als Motiv auf dem Plakat kommt
mit noch größerer Wucht daher. Es scheint in der Ausstellung also um Leben
und Tod zu gehen. Die Atmosphäre in der Ausstellungshalle und in der Galerie
zum Hof ist dann aber doch viel heiterer, poetischer, luftiger und leichter als
befürchtet. Im Kubus schweben vielfältige Formen über unseren Köpfen, in der
Galerie breiten sie sich zu unseren Füssen aus. Schwarz-glänzende,
scherenschnittartige Bildzeichen oben, weiße porös-brüchige Gegenstände
unten. Ein Bilderregen oben, ein Gegenstandsteppich unten. Jedes Objekt - sei es
flächig abstrahiert oder dreidimensional körperlich - steht und wirkt dabei für
sich, bildet aber im Kontext der anderen auch einen Bezugspunkt innerhalb
eines sich ausbreitenden, interagierenden Systems von Zeichen. Die Titel beider
Rauminstallationen „Es war einmal“ und „Reise in die Vergangenheit“ verweisen
uns in das Feld der Hinterlassenschaften, der dauerhaften und vorübergehenden
Erinnerungen sowie der fortlaufenden Gedächtnisarbeit.
Bodo Korsig macht diese kognitive Arbeit an einzelnen Zeichen fest. Diese
einzelnen Zeichen erscheinen zunächst so klar und eindeutig wie dies
Piktogramme eben sein müssen, um lesbar zu sein und zur funktionierenden
Verständigung zwischen Menschen zu dienen. Auch Bodo Korsigs Bildzeichen
setzen auf die Entschiedenheit einer grafischen Linienführung und treten als
reduzierte, klar umrissene Silhouetten auf. Es sind direkt fordernde Chiffren, die
aber viel komplizierter und zugleich verspielter wirken, als die Werbewelt der
Logos und Icons dies zulässt. Ein zweiter oder auch dritter Blick machen klar,
dass die vermeintliche Eindeutigkeit rasch ihr Ende findet, will man diese
Formen erst einmal dechiffrieren. Diese Bildzeichen lassen sich eben nicht mit
einzelnen Begriffen belegen (wie z.B. Notausgang). Will man ihrer sprachlich
habhaft werden, so benötigt man viele Worte der Umschreibung. Deshalb macht
man sich sogleich auf die Suche nach unterschiedlichen AnknüpfungsmoÅNglichkeiten
- und schon kommen erste Verunsicherungen auf. Es könnte
einem etwas unbehaglich werden. Denn die auf den ersten Blick
verführerischen, runden weichen Formen verwandeln sich bei näherer
Betrachtung in seltsame Gewächse, mikrobenartige Formgebilde, die mit ihren
Fühlern, Nippeln, Pickeln, Pocken und Tentakeln eine unberechenbare und auch
unkontrollierbare Energie ausstrahlen. Diese zunächst freundlich ornamental
wirkenden Bildzeichen lassen nun vielmehr an die schematischen Darstellungen
von Zellstrukturen, an Bakterienketten oder virale Wucherungen denken. Als
biomorphe Population breiten sie sich in der Ausstellungshalle aus und schaffen
ein ambivalentes Raumklima, das zugleich angenehm und unbehaglich,
bezaubernd und erschreckend, schön und gefährlich ist.
Derartige Doppeldeutigkeiten, eine Irritation der Wahrnehmungskonventionen
und das Spiel mit zwiespältigen Gefühlsregungen reizt den Künstler bei seinen
Arbeiten. Angetrieben von der Frage nach den Strukturen menschlicher
Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen hat der Künstler Bodo Korsig vor vielen
Jahren begonnen sich mit Neurowissenschaften und Verhaltensforschung zu
beschäftigen. Bodo Korsig, 1962 in Zwickau geboren, studierte Bildhauerei und
Steinrestaurierung im Berlin der DDR. Umfassend interessiert, arbeitet er mit
einer großen Bandbreite künstlerischer Techniken und Materialien – Holzschnitt,
Zeichnung, Malerei, skulpturale Reliefs, aber auch Fotografie, Film und in
jüngster Zeit Bühnenbild. Er nutzt auch so unkonventionelle Mittel wie
Straßenwalzen, um extrem großformatige Holzschnitte zu drucken.
Künstlerbücher mit Texten internationaler Autoren gehören ebenso wie große
Keramikarbeiten zu seinem künstlerischen Werk. Was all die unterschiedlichen
Arbeiten, wie auch die hier im Kunstverein gezeigten Rauminstallationen
bestimmt und miteinander verbindet, ist die basale, ethische Fragestellung, das
organoide Formenrepertoire und die reduzierte grafische Bildsprache, die oft
einen signalartigen Aufforderungscharakter hat. Die formelhaften Bildelemente
mit ihren Symmetrien und Spiegelungen, ihren Reihungen und Anhäufungen
wecken ganz bewusst Assoziationen zu Gestaltungsmustern der Natur und
lassen an biomorphologische, molekulare und neuronale Strukturen denken.
Denn auf die uralten Fragen nach Wahrnehmung, Erinnerung und Kreativität,
die nicht nur einen Künstler wie Bodo Korsig beschäftigen, haben wir
heutzutage eben nicht nur religiöse, philosophische und psychologische
Antworten, sondern befassen uns vor allem mit medizinischen, physikalischen
und elektrochemischen Erkenntnissen, die auch mit einem bestimmten visuellen
Vokabular entwickelt und vermittelt werden. Bodo Korsig wendet bestimmte
Bildmuster des naturwissenschaftlich geschulten Blicks an. Er verfremdet und
verändert sie, erfindet neue hinzu. Seine Bildzeichen repräsentieren die Frage,
in wieweit unsere Wahrnehmungen und Entscheidungen von biologischen
Prozessen geleitet sind. Sie verweisen vor allem auf das Ungenügen bestimmter
vereinfachender Erklärungssysteme. Der Komplexität des Menschseins wird
keines der vorhandenen Deutungsmuster gerecht. Genau hier setzt der Forscherund
Erfindergeist des Künstlers an. Bodo Korsig ist ein nüchterner Romantiker,
der voller Vernunft auf starke Gefühle setzt.
Er kreiert poetische und provokative, rätselhafte und schlagwortartige Bilder zu
existentiellen Themen des Menschseins und schafft ästhetische Räume, in denen
wir vor allem verstehen können, dass wir die vielleicht biochemischen, vielleicht
seelischen, vielleicht emotionalen und wie auch immer gearteten Grundlagen
unseres Denkens, Fühlens und Handelns gerade nicht begreifen können, uns
aber viele und immer wieder andere Bilder dafür machen können.

Bettina Schönfelder, 8.11.2013